Zwischen Alltag und Erkenntnis.

Gedanken, Beobachtungen, Perspektiven und Impulse. 

Auf der anderen Seite des Staunens








Die Straße schraubt sich immer höher in die Berge, Kurve um Kurve und es wirkt, als hätte jemand sie mit einem dünnen grauen Stift in die Landschaft gezeichnet.

Hinter jeder Kehre öffnet sich ein neuer Blick, manchmal nur für ein paar Sekunden, bevor die nächste Felswand ihn wieder verschluckt.
Tief unter uns liegt die Strecke, die wir eben noch gefahren sind, in engen Schleifen übereinandergelegt und darüber steigen die Berghänge so steil an, dass ich immer wieder aus dem Fenster sehe und denke, dass diese Straße eigentlich gar nicht hier sein dürfte.

Der Transfăgărășan ist an diesem Tag fast leer. Nur gelegentlich kommt uns ein Auto entgegen, manchmal stehen ein paar Motorräder am Rand, ansonsten gehört die Straße fast den Bergen.
Wir fahren langsam, zu viel passiert gleichzeitig vor den Fenstern. Felswände, die direkt neben der Straße aufragen, grüne Hänge, die sich tief ins Tal ziehen, Wasser, das irgendwo zwischen Steinen hinunterläuft, und darüber ein Himmel, der mit jedem Höhenmeter größer zu werden scheint.

Immer wieder halten wir an.
Tür auf, aussteigen, ein paar Schritte gehen und schauen.

Die Luft ist kühler hier oben und riecht anders als unten im Tal. Klarer. Ja, dünner fast.
Der Wind fährt über die Hänge und durch die Kleidung und wenn man ein Stück von der Straße wegtritt, verliert sich selbst das Geräusch des Autos sehr schnell. Dann stehen da nur noch diese Berge, übereinander, hintereinander, manche dunkel und scharf, andere in der Ferne schon bläulich und weich.

Ich bekomme dieses Gefühl, das mich in großen Landschaften immer wieder erwischt, dass mein Blick gar nicht groß genug ist für das, was vor mir liegt. Man möchte alles gleichzeitig ansehen und merkt doch, dass es unmöglich ist.

Die Straße windet sich weiter nach oben, verschwindet hinter einem Bergrücken, taucht auf der anderen Seite wieder auf. An manchen Stellen sieht sie von oben aus wie ein schmales Band, das jemand einfach über den Hang gelegt hat. Ich lehne mich im Sitz nach vorn, nur um noch ein bisschen mehr durch die Frontscheibe sehen zu können und jedes Mal, wenn wir die nächste Kehre erreichen, kommt wieder dieses leise, fast kindliche Staunen.

Was für eine Welt.

Oben machen wir eine Pause. Autos stehen verstreut, Menschen laufen ein paar Meter über den Berg, Jacken werden geschlossen, weil der Wind hier oben deutlich kälter ist. Für einen Moment sieht alles aus wie eine Grenze zwischen zwei Landschaften. Hinter uns liegt die Strecke, die wir hinaufgefahren sind, vor uns fällt die andere Seite der Berge wieder ab.

Dann geht es auf der anderen Seite hinunter.

Die Straße zieht sich durch Fels und Wald und irgendwann verändert sich die Landschaft. Die Hänge werden dichter bewachsen, Bäume treten näher an den Straßenrand, das Grün wird dunkler.

Wir fahren um eine Kurve und plötzlich steht dort ein Bär.

Ein echter Bär.

Nicht ganz weit hinten zwischen Bäumen, oder als dunkle Bewegung irgendwo am Hang, nein, direkt an der Straße.
Für einen Moment sagen wir gar nichts. Wir staunen nur.

Dieser große Körper, das schwere Fell, die breiten Pfoten. Er bewegt sich ruhig, beinahe gelassen, wenige Meter von den Autos entfernt und mein Kopf braucht ein paar Sekunden, um das Bild der Realität mit dem Wissen zusammenzubringen, dass da tatsächlich ein wildes Tier steht, das ich bisher vor allem aus Dokumentationen kenne.

Da ist sofort Begeisterung. Fast ungebremst.

Ein Bär. Da steht einfach ein Bär.

Ich beuge mich nach vorn, will ihn besser sehen, will jedes Detail aufnehmen. Die Art, wie er den Kopf bewegt. Wie das Fell über seinen Schultern liegt. Wie massiv dieser Körper wirkt und gleichzeitig erstaunlich weich in seinen Bewegungen. Und darunter liegt etwas anderes: Respekt, vielleicht sogar ein wenig Furcht.. denn bei aller Schönheit ist vollkommen klar, dass dieses Tier nicht klein ist, nicht harmlos, nicht dafür gemacht, dass ein Mensch einfach aussteigt und sich nähert. Seine Nähe hat etwas Elektrisierendes. Ein Teil von mir möchte noch genauer hinsehen, ein anderer ist sehr froh über die Karosserie zwischen uns.

Wir fahren weiter und sehen noch einen, später noch einen.
Bären am Straßenrand, Bären zwischen den Bäumen, Bären, die stehenbleiben, wenn Autos langsamer werden. Anfangs freue ich mich jedes Mal, fast wie bei einem Geschenk, das unerwartet wiederholt wird.

Noch einer. Schau da. Da hinten.

Es ist dieses seltene Gefühl, etwas Wildes so nah erleben zu dürfen, dass man sich kaum sattsehen kann. Und mit jedem Tier wächst zuerst dieses Staunen weiter.

Bis ein Auto vor uns langsamer wird. Das Fenster öffnet sich. Etwas fliegt heraus.

Ein Apfel.

Er rollt über den Asphalt. Der Bär reagiert sofort.
Er tritt auf die Straße, schnell, viel schneller als seine vorherigen ruhigen Bewegungen erwarten lassen, läuft zu dem Apfel, nimmt ihn auf und zieht sich ein Stück zurück.

Und irgendetwas in mir kippt.

Ich sehe den Bären mit diesem Apfel und auf einmal sehe ich die ganze Szene anders, nicht mehr nur das Tier, in all seiner Pracht. Auch die Straße. Die Autos. Die geöffneten Fenster. Die Menschen, die langsamer werden, damit sie ihn sehen können. Und diesen Bären, der offenbar weiß, was aus einem Auto kommen kann. Futter.

Ich merke, wie mir die Kehle eng wird.

Gerade eben war da noch dieses fast ehrfürchtige Staunen darüber, einem so großen, wilden Tier so nahe zu sein. Jetzt steht derselbe Bär am Asphalt und wartet.
Es ist dieses Warten, das mich trifft. Da ist ein Tier, das in meinem Kopf zu diesen Bergen gehört, zu Wäldern, zu Weite, zu einer Welt, in der ich eigentlich der Gast bin.. und das plötzlich am Rand einer Straße steht und gelernt hat, dass Menschen manchmal etwas aus dem Fenster werfen.

Die Szene wird auf einmal traurig und ich spüre, wie eine Schwere in mir aufsteigt.

Der Bär frisst und hinter ihm beginnt der Wald, es sind nur ein paar Meter. Dunkle Stämme, dichtes Grün, eine ganze Landschaft, in der ich ihn mir eben noch vorgestellt habe und trotzdem steht er hier, zwischen Leitplanke und Asphalt.

Ein weiteres Auto wird langsamer und ich sehe plötzlich nichts Niedliches mehr daran. Auch nichts Abenteuerliches.
Da ist nur noch dieses große, wunderschöne Tier und der Gedanke, dass wir Menschen manchmal etwas so sehr wollen, dass wir dabei vergessen, was es den Anderen kostet, wenn wir es bekommen.

Später lese ich darüber, wie schnell Tiere Verbindungen lernen können: ein Ort, ein Geräusch, ein Fahrzeug = Nahrung. Was ihm zuverlässig etwas bringt, bekommt seine Aufmerksamkeit. Bei uns Menschen ist es ja nicht viel anders.
Der Bär hat also offenbar etwas über uns gelernt und ich wünschte plötzlich, er hätte es nie lernen müssen.

Wir fahren weiter, aber die Bilder bleiben.

Die Straße bleibt unfassbar spektakulär. Die Berge verlieren nichts von ihrer Größe. Hinter jeder Kurve öffnet sich noch immer eine wunderschöne Landschaft und irgendwann liegt wieder dieser weite Blick vor uns, von dem ich kaum genug bekommen kann, nur ist jetzt etwas dazugekommen. Eine Traurigkeit, die sich nicht gegen das Staunen stellt. Sie wächst direkt daraus.

Ich sehe noch einmal einen Bären weiter hinten am Straßenrand. Diesmal werde ich ganz ruhig.
Er steht zwischen den Bäumen, halb im Schatten, den Kopf leicht gehoben. Für einen Moment bewegt sich kein Auto zwischen uns, niemand hält etwas aus dem Fenster, niemand ruft.
Da ist nur dieser Bär. Der Wald hinter ihm. Die Berge darüber. Und plötzlich wünsche ich mir nichts mehr, als dass er sich umdreht. Dass er zurückgeht. Tiefer zwischen die Bäume, weiter weg von uns, dorthin, wo ich ihn nicht mehr sehen kann.

Noch ein paar Sekunden bleibt er stehen, dann bewegt er sich tatsächlich. Langsam zuerst, dann verschwindet sein Körper zwischen den Stämmen. Das Braun seines Fells wird dunkler, verliert sich im Grün, bis ich nicht mehr sagen kann, wo genau er gerade ist.
Und obwohl ich ihn gern noch länger angesehen hätte, fühlt sich genau dieser Augenblick am schönsten an.

Der, in dem er unserem Blick entkommt.

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