MISSION AND MIND | Journal

Zwischen Alltag und Erkenntnis.

Gedanken, Beobachtungen, Perspektiven und Impulse

Bewerbungsgespräch mit dem Leben



Draußen regnet es. Das Wasser prasselt gleichmäßig gegen das Fenster.

Ich sitze einem Mann gegenüber, den ich noch nie gesehen habe.

Grauer Anzug. Ruhige Hände.

Vor ihm eine Mappe.
Auf dem Deckblatt steht mein Name.

Bewerbung um weitere fünf Jahre unverändertes Leben.

Ich sehe ihn an. Er mich.
Dann schlägt er die Mappe auf.

„Sie möchten also gern weitermachen wie bisher.“

Ich räuspere mich.

„Im Großen und Ganzen.“

Er nickt.

„Gut. Dann erzählen Sie mir doch einmal, warum wir Sie für weitere fünf Jahre unverändertes Leben nehmen sollten.“

Das ist der Moment, in dem ich merke, dass ich mich auf dieses Gespräch schlecht vorbereitet habe.

„Nun ja“, sage ich. „Es läuft ja.“

„Was genau?“

„Das Leben.“

Er schreibt etwas auf.

Ich hasse sofort, dass er schreibt.

„Können Sie das etwas genauer ausführen?“

„Ich habe Verpflichtungen. Aufgaben. Dinge, die erledigt werden müssen.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

Stimmt.

Ich sehe aus dem Fenster.

Draußen geht jemand mit einem roten Regenschirm vorbei.
Sehr selbstbewusst.
Ich beneide ihn.

„Was funktioniert gut?“, fragt der Mann.

Prima. Die Frage ist einfacher.

Ich erzähle.

Von Dingen, die funktionieren, Menschen, die da sind, Arbeit, die Sinn macht, Gewohnheiten, die mir gut tun und von Orten, an denen ich gern bin.

Er hört zu.

Dann:
„Und was funktioniert nicht?“

Ich antworte schneller, als mir lieb ist.

Der Mann blättert um.

„Sie schreiben hier seit drei Jahren, dass sich etwas ändern soll.“

Ich beuge mich vor.
„Woher haben Sie das?“

„Das sind Ihre Tagebücher.“

Na klasse.

„Ja“, sage ich. „Das stimmt.“

„Was genau sollte sich ändern?“

Ich benenne es.
Dann noch etwas.
Und noch etwas.

Er hört auf zu schreiben.
Das macht es schlimmer.

„Warum hat sich nichts davon verändert?“

Ich denke nach.

„Es war nie der richtige Zeitpunkt.“

Er schaut auf die Uhr.

„Wann wäre er?“

Unangenehmer Mann.

Es gibt sie, diese Entscheidungen. Sie scheitern nicht an fehlender Erkenntnis.
Wir wissen längst, was uns fehlt, was uns erschöpft, worauf wir warten.
Manche Dinge bleiben trotzdem jahrelang bestehen, weil zwischen Wissen und Handeln noch etwas blockiert.

Angst vor Verlust.
Loyalität.
Bequemlichkeit.
Verantwortung.
Die Hoffnung, dass sich eine Situation doch noch von selbst verändert.. oder schlicht das Gewicht dessen, was schon in den aktuellen Zustand investiert wurde.

Es ist doch so, je länger wir in etwas investiert haben, desto schwerer kann es werden, neu zu entscheiden.

„Was würden Sie tun“, fragt er, „wenn Sie heute keinerlei Vergangenheit berücksichtigen müssten?“

Ich schaue ihn an.

„Wie meinen Sie das?“

„Sie wachen morgen auf. Niemand erwartet etwas von Ihnen. Nichts muss aufrecht erhalten werden. Sie müssen keinem etwas beweisen. Keine Entscheidung muss verteidigt oder bewahrt werden. Sie wissen nur, was Sie heute wissen und fangen neu an.“

Er schiebt mir ein leeres Blatt hin.

„Würden Sie dieses Leben noch einmal genauso auswählen?“

Schweigen.

Der rote Regenschirm ist inzwischen verschwunden.

Das ist keine faire Frage. Oder doch?


Natürlich können wir unsere Vergangenheit nicht löschen, aber manchmal zeigt ein Gedankenexperiment etwas, das Gewohnheit gut verdecken kann:
Den klaren Blick auf das, was wir heute wirklich genau so wählen würden. Dieser Blick wird nicht das ganze Leben in einer Sekunde verändern, aber es kann Klarheit schaffen. Und aus Klarheit kann Veränderung entstehen.

„Nicht alles“, sage ich schließlich.

Der Mann nickt.

Kein Triumph.
Kein dramatischer Blick.

Nur: „Gut.“

„Gut?“

„Jetzt haben wir etwas, womit wir arbeiten können.“

Das Gespräch dauert noch eine Stunde.

Wir kündigen nichts, wir verlassen niemanden.

Ich kaufe kein Flugticket und gründe auch keinen Ziegenhof in Portugal.
Schade eigentlich.

Wir schreiben nur Dinge auf.

Was bleiben soll.
Was verändert werden muss.
Was ich längst weiß.
Was noch geprüft werden sollte.
Und welche Entscheidung ich seit Jahre auf „später“ verlegt habe.

Um 11:12 Uhr schließt der Mann die Mappe.

„Eine letzte Frage.“

„Wenn wir uns in fünf Jahren wiedersehen und Sie erzählen mir, dass alles noch genauso ist wie heute, wie würden Sie sich damit fühlen?“

Das Bewerbungsgespräch ist vorbei.

Die Stelle habe ich übrigens nicht bekommen.
Zumindest nicht die, für weitere fünf Jahre unverändertes Leben.
Gut so.

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