Das Verhör
Die Verhandlung beginnt um 02:13 Uhr.
Angeklagt: Ich.
Tatvorwurf: Ein Satz, den ich um 16:42 Uhr gesagt habe.
Ort des Verbrechens: Ein völlig normales Gespräch.
Beweislage: Unklar.
Das Gericht ist trotzdem vollzählig.
Die Staatsanwaltschaft beginnt.
„Sie hätten das anders sagen können.“
Hm, sehr einfallsreicher Einstieg.
Die Verteidigung räuspert sich.
„Es war aber nicht böse gemeint.“
„Irrelevant.“
„Überhaupt nicht irrelevant. Der Gesichtsausdruck danach war eindeutig.“
Jetzt wird Beweismaterial eingeblendet.
Der Gesichtsausdruck. Oder zumindest meine Erinnerung daran. Wirklich eine hochprofessionelle Quelle.
Vielleicht kennst du solche nächtlichen Gerichtsverhandlungen. Tagsüber passiert etwas Kleines. Du reagierst ungeschickt, sagst einen falschen Satz, vergisst etwas, wirkst vielleicht kurz seltsam. Also wirklich nichts Dramatisches. Das Leben geht weiter, bis nachts das Gericht zusammentritt. Dann wird rekonstruiert, noch einmal alles durchdacht, Beweise gesammelt.
Was genau habe ich gesagt?
Wie hat die Person geguckt?
Warum habe ich nicht einfach geschwiegen?
Es ist immer wieder überraschend, wie viel forensische Energie ein Gehirn um zwei Uhr morgens entwickeln kann.
Die Staatsanwaltschaft ruft den ersten Zeugen.
Vergangenheit.
Na toll. Wirklich sehr zuverlässig.
Sie bringt selbstverständlich nicht nur diesen einen Nachmittag mit. Sie hat noch Material von 2017. Und 2009. Und diesen einen Moment damals in der Schule, an den wirklich niemand mehr gedacht hatte.
Plötzlich geht es nicht mehr um einen Satz, jetzt geht es um Charakter.
„Sie machen sowas immer.“
Die Verteidigung protestiert. Zu Recht. Das Gericht ignoriert sie, wie immer.
Ganz schön unfaire Verhandlung irgendwie..
Aus einem konkreten Fehler, wird plötzlich die ganze Person in Frage gestellt.. oder am besten noch, direkt das gesamte Leben.
Ich habe etwas Unpassendes gesagt, ich habe jemanden verletzt, ich habe etwas übersehen. All das lässt sich prüfen, meistens auch entschuldigen. Wenn es gut läuft, sogar irgendwie korrigieren.
Dann kommt der Ankläger und macht daraus ein riesen Drama:
Aus du hast einen Fehler gemacht, wird ein mit dir stimmt etwas nicht. Du bist schlecht.
Psychologisch natürlich ein absolutes knock out, denn Verhalten kann zumindest halbwegs zügig verändert werden, aber ein Urteil über die ganze Person lässt wenig Spielraum übrig. Schachmatt.
02:37 Uhr.
Die Verteidigung wirkt erschöpft.
„Könnten wir vielleicht einfach morgen nachfragen?“
Eine vernünftige Idee.
Sie wird sofort abgelehnt.
„Nein. Wir müssen das jetzt vollständig klären.“
Na klar. Um halb drei nachts. Mit acht Prozent Akku und keinerlei neuen Informationen.
Das Gericht vertagt sich trotzdem nicht.
Es gibt Menschen, deren inneres Gericht streng arbeitet.
Wer gelernt hat, dass Fehler schnell mit Kritik, Liebesentzug oder Beschämung verbunden sind, entwickelt manchmal ein feines Frühwarnsystem für eigenes Fehlverhalten.
Bloß nichts übersehen und bloß niemandem einen Grund geben, verärgert zu sein.
Das kann sehr gewissenhafte Menschen hervorbringen. Und sehr müde.
Fakt ist ja, wer ständig innerlich prüfen muss, ob er noch „richtig“ ist, lebt mit einem Richter, dessen Freispruchrate nur leider schwindend gering ist.
Um 02:51 Uhr kommt überraschend ein neuer Zeuge.
Die Realität.
Sie ist etwas schlecht vorbereitet.
„Was wissen wir denn tatsächlich?“
Die Staatsanwaltschaft blättert.
„Nun ja. Wir wissen, dass ein Satz gefallen ist.“
„Und?“
„Die andere Person hat danach kurz anders geguckt.“
„Sonst?“
„Nichts.“
„Hat jemand gesagt, dass er verletzt war?“
„Nein.“
„Hat jemand den Kontakt abgebrochen?“
„Nein.“
„Ist sonst irgendetwas passiert?“
„Bislang nicht.“
Die Realität setzt sich wieder.
Kurzer Auftritt, große Wirkung.
Vielleicht wäre das manchmal eine gute Frage für solche inneren Prozesse:
Was ist der Tatbestand? Nicht die Anklage, nicht die Befürchtung, auch nicht die alte Akte aus 2009.
Was ist tatsächlich passiert?
Und wenn etwas passiert ist: Was wäre eine angemessene Reaktion?
Eine Entschuldigung? Ein Gespräch? Eine Korrektur? Oder einfach die Erlaubnis, ein Mensch gewesen zu sein, der einen Satz zukünftig anders formulieren würde?
Um 03:04 Uhr wird die Verhandlung beendet.
Kein Freispruch. Keine Verurteilung. Der Fall wird morgen bei Tageslicht noch einmal angesehen. Das ist ungewöhnlich vernünftig.
Ich drehe das Kissen auf die kalte Seite. Draußen fährt irgendwo ein Auto vorbei, dann ist es wieder still.
Die Staatsanwaltschaft murmelt noch etwas. Ich ignoriere sie.
Für heute ist das Gericht geschlossen.
