Zwischen Alltag und Erkenntnis.

Gedanken, Beobachtungen, Perspektiven und Impulse. 

Der blaue Nachmittag







Am Eingang zum Freibad klebt ein verblichenes Plakat an der Scheibe, auf dem ein Eis abgebildet ist, das in Wirklichkeit sowas von gar nicht so aussieht, wie auf dem Foto.
Vor dem Kassenhäuschen steht eine Familie mit drei Kindern, zwei Schwimmtieren und einer Tasche, aus der eine orangefarbene Flosse herausragt und du versuchst krampfhaft zu verbergen, dass eine leichte Ungeduld in dir aufsteigt, weil es dort so lange dauert. Das Gefühl hält zum Glück nicht lange, denn nur einen kleinen Moment später nimmst du plötzlich wahr, dass hinter dir Jemand Sonnencreme verschüttet hat. Der süßliche Geruch mischt sich mit Chlor, warmem Beton und dem Duft von Pommes, der vom Kiosk herüberzieht. Über allem liegt dieses helle, fast weiße Sommerlicht, das jede Farbe ein wenig kräftiger macht, selbst die ausgeblichenen Handtücher auf der Liegewiese.

Du bist seit Jahren nicht mehr hier gewesen.

Eigentlich wolltest du auch heute nicht kommen. Du hattest etwas ganz anderes vor, vernünftige Dinge, Dinge mit Kästchen davor, die man abhaken kann, aber dann hatte jemand am Telefon gesagt, es seien dreißig Grad und daraus war innerhalb einer halben Stunde ein Plan geworden, der im Grunde nur daraus bestand, eine Tasche zu packen und loszufahren.

Als du durch das Drehkreuz gehst, ist da sofort etwas Vertrautes, obwohl du den Ort kaum wiedererkennst.
Das schrille Pfeifen des Bademeisters, das Echo von Stimmen über dem Wasser, das satte Klatschen, wenn jemand vom Beckenrand springt, die Plastikliegen, die beim Verschieben über Stein schaben und über allem dieses unaufhörliche helle Stimmengewirr, das in einem Freibad nie wirklich verstummt.
Es erinnert weniger an einen bestimmten Sommer als an eine ganze Epoche, in der ein Nachmittag noch kein Zeitfenster war, sondern einfach ein Nachmittag und irgendwie auch ein ganzes Leben.

Ihr legt die Handtücher unter einen Baum. Das Gras ist trocken und piekst durch den Stoff. Neben euch spielt eine Gruppe junger Leute Karten. Du schaust durch die Gegend und siehst, dass weiter hinten ein Mann mit einem Buch auf der Brust schläft und ein kleines Mädchen versucht, ihren Vater mit einer Wasserpistole zu treffen, die ungefähr halb so groß ist wie sie selbst. Er tut so, als könne er nicht entkommen. Sie kreischt vor Vergnügen und du musst schmunzeln.

Es dauert eine Weile, bis du ins Wasser gehst.

Der Rand ist heiß unter den Füßen, dann kommt diese erste Kälte an den Knöcheln, an den Waden, an den Knien. Du gehst langsam hinein und ärgerst dich kurz über dich selbst, weil Kinder neben dir einfach springen, ohne über Temperatur nachzudenken. Dann stößt du dich ab.

Unter Wasser wird alles leiser.

Das Licht bricht in hellen Streifen auf dem Boden. Stimmen verschwimmen. Für ein paar Sekunden gibt es nur das Geräusch des eigenen Atems und diese gedämpfte Welt, die immer ein wenig weiter weg wirkt als die darüber. Du tauchst auf, streichst die Haare zurück und schwimmst los.

Nicht schnell. Nur so. Bahn für Bahn.

Nach einer Weile merkst du, dass etwas in dir nachlässt, das du den ganzen Morgen gar nicht bemerkt hattest. Dieses leichte innere Ziehen, das ständig wissen will, was als Nächstes kommt. Die kleine unsichtbare Bereitschaft, sofort wieder an irgendetwas zu denken, das erledigt, beantwortet, entschieden oder verbessert werden müsste.

Sie verschwindet nicht plötzlich, aber sie verliert ihre Wichtigkeit.

Das Wasser trägt dich.

Dein Körper weiß, was er tun muss, ohne dass du jeden Schritt organisierst. Arme, Atem, Beine, Drehung, wieder vor. Es ist fast traurig, wie selten man sich selbst so erlebt: nicht als Projekt, nicht als etwas, das funktionieren, aussehen, leisten oder reagieren muss, sondern einfach als lebenden Körper in Bewegung.

Später sitzt du am Beckenrand und lässt die Füße im Wasser hängen. Ein Junge springt neben dir hinein und spritzt dich vollständig nass. Seine Mutter entschuldigt sich sofort. Du winkst ab. Der Junge kommt prustend wieder hoch und sieht sehr zufrieden mit sich aus.

Früher hätte dich das vielleicht geärgert. Heute nicht. Vielleicht liegt es am Sommer, vielleicht am Wasser, vielleicht daran, dass du gerade nichts vermisst.

Das Gehirn verändert sich mit dem Zustand, in dem wir uns befinden. Unter Druck wird unsere Aufmerksamkeit zielgerichteter und kontrollierter. Das ist nützlich, wenn etwas gelöst werden muss.
In sicheren, spielerischen Situationen passiert oft das Gegenteil, unsere Wahrnehmung wird weiter, Menschen werden neugieriger, flexibler, offener für Verbindung und Neues.
Psychologisch ist Spiel deshalb weit mehr als Zeitvertreib. Es ist eine Form von Exploration. Ein Raum, in dem der Mensch ausprobieren kann, ohne dass sofort etwas auf dem Spiel steht. Kinder tun das ständig. Erwachsene müssen sich manchmal erst wieder daran erinnern.

Am Kiosk kaufst du später Pommes in einer Pappschale. Puh, viel zu salzig, etwas zu weich und genau deswegen irgendwie vollkommen richtig für diesen Ort.
Ihr sitzt auf einer niedrigen Mauer, die Beine noch nass und aus einem alten Radio hinter der Theke läuft irgendein Lied aus den Neunzigern. Eine Wespe interessiert sich hartnäckig für den Ketchup auf deinen Pommes und anstatt dich zu fürchte, findest du sie sogar etwas niedlich.
Jemand am Nebentisch erzählt eine Geschichte so laut, dass man unweigerlich mithört und obwohl du die Hälfte nicht verstehst, musst du über die Pointe lachen.

Die Frau am Tisch sieht kurz zu dir herüber und lacht auch und für einen Moment seid ihr miteinander verbunden durch eine Geschichte, die dir gar nicht erzählt wurde.

Es ist eine Kleinigkeit.

Aber es liegt genau darin etwas, dass das Erwachsen Leben häufig verliert. Wir planen zu groß und erleben zu klein. Wir erwarten von einem Tag, dass er produktiv, erholsam, besonders oder sinnvoll sein soll und übersehen dabei, dass Lebendigkeit nichts mit einem Konzept zu tun hat. Sie sitzt eher irgendwo dazwischen. In einem Spritzer Wasser, im Geruch von Pommes, in einem Lied, das man nicht gesucht hat, in der Wärme eines Steins unter der Hand.

Später liegt ihr auf den Handtüchern. Die Sonne steht tiefer, das Licht wird goldener und auf der Liegewiese packen die ersten Familien langsam ihre Sachen zusammen. Nasse Badeanzüge verschwinden in Plastiktüten, Kinder werden widerwillig in T-Shirts gesteckt und jemand sucht seit zehn Minuten eine einzelne Sandale. Ausnahmsweise bist es mal nicht du.

Du liegst auf dem Rücken und schaust durch die Blätter über dir. Zwischen ihnen sieht man Himmel. Nicht viel, immer nur kleine blaue Stücke, die sich bewegen, wenn der Wind durch den Baum geht.
Du denkst daran, dass ein Mensch nicht nur Ruhe braucht, sondern auch Lebendigkeit. Etwas, das ihn aus der ständigen inneren Verwaltung herauszieht. Spiel, Bewegung, Musik, Natur, Lachen, etwas Ungeplantes, manchmal auch schlicht etwas Schönes, das keinen anderen Zweck erfüllt, als dass es gerade schön ist.

Das ist keine Flucht aus dem echten Leben, es gehört dazu. Vielleicht sogar mehr, als wir uns zugestehen.

Als ihr später geht, ist der Beton nicht mehr heiß. Die Luft riecht nach Abend, feuchtem Gras und Chlor und vom Parkplatz hört man Autotüren, Stimmen und irgendwo in der Ferne einen Motor, der nicht anspringen will.
Deine Haare sind noch nass im Nacken, die Haut spannt ein wenig von der Sonne und auf dem Handtuch kleben Grashalme.

Zu Hause warten die Dinge, die du am Morgen eigentlich erledigen wolltest, sie sind noch da, aber sie haben etwas von ihrer Größe verloren. Sie sind nicht unwichtig geworden, es ist eher, weil der Tag inzwischen mehr enthält als sie.

Das ist eine der stilleren Formen von psychischer Gesundheit: dass das Leben nicht ausschließlich aus dem besteht, was wir bewältigen müssen, sondern auch ganz viel aus dem, was uns mit Freude erfüllt.


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