Der Samstag, der nichts wollte
Um 09:38 Uhr klingelt noch immer nichts.
Kein Wecker, keine Erinnerung, kein Kalender.
Nicht einmal der Paketbote.
Du liegst noch im Bett und hörst durch das gekippte Fenster einen Rasenmäher irgendwo in der Nachbarschaft.
Dann einen Vogel.
Dann wieder den Rasenmäher.
Sehr ausdauernder Mensch.
Du greifst nach dem Handy. Keine Termine. Keine to Dos. Das ist verdächtig.
Es gibt diese Tage, die beginnen schon mit einer Aufgabe.
Dienstag zum Beispiel. Dienstag steht auf und weiß genau, was er von dir will.
Samstag kann anders sein. Manchmal liegt er einfach da. Gefühlt unendlich und unverschämt frei.
Und genau dann passiert etwas Seltsames. Du weißt plötzlich nicht, was du tun sollst. Nichts müssen, nur Sein. Das fühlt sich komisch an.
Du stehst auf, öffnest den Kühlschrank. Schließt ihn wieder.. und öffnest ihn wieder. Nicht aus Hunger, mehr aus Gewohnheit. Und ein bisschen aus der Unsicherheit, dass du nichts mit dir anzufangen weißt.
Dann gehst du ins Wohnzimmer, setzt dich.. und stehst wieder auf.
Vielleicht könntest du aufräumen, oder endlich diese eine Schublade ausmisten.
Es gibt in jedem Haushalt offenbar eine Schublade, deren Existenz nur dazu dient, uns gelegentlich Schuldgefühle zu machen.
Du lässt sie zu, die Schublade.
Mutig.
Wir Menschen sind wirklich gut darin, auf Anforderungen zu reagieren. Aber Freizeit gestalten?
Ein Termin gibt uns Richtung, eine Deadline sortiert unsere Aufmerksamkeit, ein Problem verlangt eine Lösung. Freizeit hingegen kann komplizierter sein.
Freie Zeit.
Sie stellt keine Aufgabe.
Sie fragt.
Was willst du eigentlich, wenn gerade niemand etwas von dir will?
Eine einfache Frage und manchmal doch so schwer zu beantworten.
Du gehst raus. Ohne Ziel. Das fühlt sich zunächst fast ineffizient an.
An der Ecke biegst du rechts ab, obwohl links schneller irgendwohin führen würde, denn rechts führt dich nur durch ein Wohngebiet.
Du lässt den Blick schweifen und atmest dabei tief die warme Luft ein.
Gärten.
Fahrräder.
Ein Kind malt mit Kreide einen riesigen Kreis auf den Gehweg.
Darin steht: PLANET.
Du gehst drum herum.
Sicher ist sicher.. nicht, dass du noch in ein fremdes Universum gerätst.
Nach zwanzig Minuten sitzt du auf einer Bank und lauscht den Vögeln um dich herum. Du weißt nichts mit dir anzufangen und lässt den Blick durch die in Sonnenlicht getauchte Umgebung schweifen.
Da ist nur ein kleiner Park. Ein Teich. Zwei Enten, die offenbar eine sehr ernste Meinungsverschiedenheit haben. Mehr nicht.
Du bleibst trotzdem.. und langsam passiert etwas.
Der Kopf hört auf, nach der nächsten Aufgabe zu greifen. Deine Aufmerksamkeit wird weiter.
Du nimmst wahr, dass im Baum gegenüber schon erste Blätter gelb werden und ein raschelndes Geräusch wie ein zarter Hauch durch die Baumkronen zieht.
Dass das Wasser jedes Mal anders aussieht, wenn der Wind darüber geht und dass kleine glitzernde Punkte, die aussehen wie Diamanten, auf dem Wasser tanzen.
Dass ein älterer Mann seinen Hund seit fünf Minuten bittet, jetzt aber bitte wirklich nach Hause zu kommen.
Unser Gehirn braucht solche Phasen als Gegenstück zu einem sonst sehr strukturierten Alltag.
Aufmerksamkeit kann nicht dauerhaft eng geführt sein. Wer ständig auf Aufgaben, Entscheidungen und Reize reagiert, meint zwar produktiv zu sein, wird aber langfristig ineffizienter werden.
In freien Momenten wandert der Geist. Er verbindet Dinge, sortiert, erinnert sich und spürt das Leben.
Und wer kennt's nicht? Manchmal fällt einem genau dann eine wichtige Lösung ein, wenn man loslässt.. nachdem man eine Stunde lang erfolglos darüber nachgedacht hat. Ausgerechnet dann, wenn man aufgehört hat, es erzwingen zu wollen, kommt es von ganz allein.
Du stehst auf und schlenderst weiter durch die Gassen. Es duftet nach Zitronen.
Du kommst an einem kleinen italienischen Café vorbei und kaufst ein Eis. Du kaufst es nicht, weil du es geplant hattest, einfach nur, weil du daran vorbeikommst.
Du setzt dich auf eine niedrige Mauer und spürst den warmen Stein unter dir. Ein paar Grashalme kitzeln an deinen Beinen.
Zwei Kugeln.
Eine davon schmilzt schneller, als du essen kannst. Das Eis läuft über deine Hand und du suchst hektisch nach einer Serviette. Natürlich keine da. Der Samstag verlangt nun etwas Kompetenz. Du lachst.
Du bleibst noch eine Weile in der warmen Sonne sitzen und langsam fängst du an es zu genießen.
Der Wind, der friedlich durch die Blätter raschelt.
Die Vögel, die ihr bestes geben, um die Welt mit ihren feinen und fröhlichen Klängen in eine Atmosphäre der Harmonie zu hüllen.
Die warme Luft, die sanft, ja fast zaghaft, deine Haut umschmeichelt.
Freie Zeit.
Sie fordert nicht. Sie lädt ein.
Später zu Hause siehst du die Schublade, noch immer ungeordnet. Die Wäsche ist auch nicht gemacht.
Du hast nichts Besonderes erlebt, nichts erledigt, worüber man am Montag erzählen würde.
Und trotzdem fühlt sich der Tag gut gefüllt an, vielleicht genau deswegen. Nicht unbedingt gefüllt mit Dingen. Mit Zeit.
Du lehnst dich zurück und atmest die Luft des Sommers.
Der Samstag wollte heute nichts von dir.
Was ein Geschenk.
