MISSION AND MIND | Journal

Zwischen Alltag und Erkenntnis.

Gedanken, Beobachtungen, Perspektiven und Impulse

Derselbe Augenblick



Ich sitze im Café.

Die Sonne scheint durch das Fenster und ihre Strahlen wärmen meine Haut. Vor mir steht ein Milchkaffee, den ich irgendwann bestellt habe, als dieser Nachmittag noch jünger war.
Der Milchschaum ist längst in sich zusammengefallen und am Rand der Tasse hat er eine helle Spur hinterlassen.
Ich nehme die Tasse in die Hand und merke erst jetzt, dass der Kaffee kalt geworden ist.

Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Trotzdem weiß ich, dass Zeit vergangen ist.
Draußen fällt das Licht inzwischen anders und die Sonne wandert langsam über die Fliesen, beinahe unbemerkt.

Die Tür öffnet sich.

Für einen Moment strömt warme Luft herein. Der Duft des Sommers steigt in meine Nase. Es ertönen Stimmen von draußen. Das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos. Irgendwo schlägt eine Fahrradklingel an.

Dann fällt die Tür mit einem Knall zurück ins Schloss und das Café versinkt wieder zu seiner eigenen kleinen Welt.

Es klirrt.

Ich schaue auf.

Eine Kellnerin balanciert drei Tassen zwischen den Stühlen hindurch. Ihr Mund lächelt, doch ihre Augen sehen müde aus. Sie weicht einer Tasche aus, die jemand neben seinen Stuhl gestellt hat, stellt zwei Cappuccino am Nebentisch ab und verschwindet wieder hinter der Theke.

Mein Blick wandert zum Fenster und ich schaue raus.

Draußen wartet eine Frau an der Ampel. Sie sieht auf ihr Handy, dann springt die Ampel um und sie rennt los, als hinge etwas davon ab, die andere Straßenseite früher zu erreichen.
Vielleicht hängt tatsächlich etwas davon ab. Ich weiß es nicht.

Für einen Moment träume ich vor mich hin und hänge meinen Gedanken nach.

Am Nebentisch lacht jemand so laut, dass sich drei Menschen gleichzeitig umdrehen.

Mein Blick schweift durch den Raum.

Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann allein.
Vor ihm steht ein Teller, auf dem kaum etwas fehlt. Seine Gabel liegt daneben.
Ihn umgibt ein warmes Licht. Tränen laufen über seine Wangen. Dann hebt er die Hand zum Gesicht und wischt sie mit dem Daumen weg. Eine kleine, schnelle Bewegung, so unauffällig, dass sie vermutlich niemand gesehen hat.

Ich sehe wieder nach draußen.

Sonnenstrahlen erhellen den Horizont.
Ein älteres Paar läuft langsam über den Gehweg.
Ein Kind tänzelt vergnügt vor seiner Mutter her.
Jemand telefoniert.
Jemand wartet.
Jemand kommt gerade irgendwoher.
Jemand geht irgendwohin.

Und plötzlich fällt mir etwas auf...

Dieselbe Welt.
Dieselbe Stadt.
Dieselbe Sonne.
Derselbe Augenblick.

Es ist dieselbe Uhrzeit.
Und trotzdem erlebt keiner dieselbe Minute.

Für die Frau an der Ampel könnte dieser Nachmittag viel zu schnell vorüberziehen.
Für den Mann mit dem unberührten Teller womöglich quälend langsam.
Das Kind wird sich später vielleicht an nichts davon erinnern.
Die Kellnerin wird am Abend ihre Schürze ausziehen und diesen Tag kaum von hundert anderen unterscheiden können.
Und irgendwo, nur ein paar Straßen weiter, wird gerade eine Tür geöffnet, hinter der jemand seit Wochen auf eine Nachricht wartet.
Irgendwo fällt ein Satz, nach dem nichts mehr so sein wird wie vorher.
Jemand bekommt einen Anruf.
Jemand unterschreibt einen Vertrag.
Zwei Menschen sehen sich zum ersten Mal.
Zwei andere zum letzten.

Sechzig Minuten.
Dreitausendsechshundert Sekunden.
Sauber messbar.
Unbestechlich.

Die Zeit.

Sie macht aus der Minute eines Kindes dieselben sechzig Sekunden wie aus der Minute eines Menschen, der auf eine Antwort wartet.
Aus einem Kuss dieselbe Zeiteinheit wie aus einem Abschied.
Aus Langeweile dieselbe Stunde wie aus einem Augenblick, den man für den Rest seines Lebens zurückhaben möchte.

Zeit ist für uns alle gleich messbar, aber sie ist niemals gleich erlebt.

Die Zeit auf der Uhr.

Wir tragen sie am Handgelenk, sehen sie auf unseren Displays, planen sie in Kalendern und teilen unsere Tage nach ihr ein.

Eine Minute bleibt eine Minute.
Und doch auch unendlich. Irgendwie.

Tatsächlich lebt kein Mensch in einer objektiven Abfolge von Minuten.

Wir leben in Erwartung.
In Erinnerung.
In Nähe und Distanz.
In Angst.
In Freude und Frieden.
In Bedeutung.

Fünf Minuten des Kummers können wie eine Ewigkeit sein.
Stunden mit einem Menschen, den wir lieben, können sich anfühlen wie eine Sekunde.

Ein Jahr kann verschwimmen.
Eine einzige Minute Jahrzehnte in unseren Gedanken lauern.
Tausende Stunden unseres Lebens.
Und trotzdem sind manche von ihnen beinahe spurlos verschwunden. Andere haben sich eingebrannt.

Zeit vergeht nicht einfach, denn während sie vergeht, wird aus ihr unser Leben.

Eine Stunde kann verschwendet, verschenkt, genossen, ertragen, verkauft oder mit jemandem geteilt werden.
Zurückholen lässt sie sich nicht und trotzdem behandeln wir sie oft, als wäre sie unbegrenzt.

Irgendwann fahre ich hin.
Irgendwann rufe ich an.
Irgendwann ändere ich das.
Irgendwann nehme ich mir mehr Zeit dafür.
Irgendwann fange ich an.

Dieses „Irgendwann“ ist ein seltsamer Ort.
Fast jeder von uns hat dort Dinge abgelegt.

Menschen.
Wünsche.
Gespräche.
Stunden.
Entscheidungen.
Ganze Teile unseres Lebens.

Und niemand weiß, wie groß dieser Ort tatsächlich ist.

Zurück im Café

Die Tür geht wieder auf.

Diesmal kommt ein älterer Mann herein.
Er bleibt kurz stehen, sieht sich um und entdeckt jemanden hinten im Raum. Sein Gesicht verändert sich. Nur ein wenig. Aber genug, dass ich erkenne, dass er sich freut.
Er hebt die Hand und am anderen Ende des Cafés hebt jemand ebenfalls die Hand.
Für die beiden beginnt gerade etwas.
Ein Gespräch.
Ein Kaffee.
Eine Stunde miteinander.

Für mich sind es meine sechzig Minuten.
Für sie werden es völlig andere sein.

Die Frau von der Ampel ist längst verschwunden.
Der Mann mit dem Teller auch. Auf seinem Platz steht jetzt eine leere Tasse.
Die Kellnerin wischt über den Tisch und nimmt die Tasse mit. Eine so kleine Bewegung und ein paar Sekunden später erinnert nichts mehr daran, dass dort gerade jemand saß.

Draußen ist die Sonne weitergezogen.

Ich nehme mein Handy und sehe zum ersten Mal auf die Uhr.
Mehr Zeit ist vergangen, als ich dachte.

Ich habe gerade Menschen kommen und gehen sehen.
Habe gesehen, wie jemand gelacht hat.
Wie jemand geweint hat.
Wie jemand sich beeilt hat.
Wie jemand auf jemanden gewartet hat.

Und irgendwo zwischen diesen Tischen wird mir bewusst, wie wenig wir darüber wissen, was derselbe Augenblick für den Menschen neben uns gerade bedeutet.

Ich trinke den letzten Schluck meines kalten Kaffees.

Draußen geht das Leben weiter.

Menschen kommen.
Menschen gehen.

Die Sonne wandert über Häuserfassaden.

Auf tausenden Displays wechseln gleichzeitig die Zahlen.
17:11.
17:12.
17:13.

Für alle dieselbe Uhrzeit.
Für keinen derselbe Augenblick.

Zeit ist die Währung unseres Lebens.

Und jeder von uns gibt sie aus.

Jeden Tag.
Jede Sekunde.
Auch heute.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.