Zwischen Alltag und Erkenntnis.

Gedanken, Beobachtungen, Perspektiven und Impulse. 

Die Sitzung ist eröffnet



Der Tisch ist für sechs Personen gedeckt, obwohl du niemanden eingeladen hast. Du wolltest eigentlich nur einen ruhigen Abend. Etwas essen, das Handy weglegen und für ein paar Stunden aufhören, über diese eine Sache nachzudenken. Doch als du ins Zimmer kommst, sitzt die Vernunft bereits auf ihrem Platz. Vor ihr liegt ein aufgeschlagenes Notizbuch. Sie hat offenbar schon angefangen. Der Stift liegt exakt parallel zur Tischkante.

„Setz dich“, sagt sie, ohne aufzusehen. „Wir sollten das heute klären.“

Auf dem zweiten Stuhl sitzt die Angst. Sie hat ihre Jacke noch an und ihre Tasche zwischen den Füßen stehen. Mit beiden Händen hält sie eine Tasse Tee fest umklammert, so dass ihre Knöchel an den Fingern schon ganz weiß geworden sind. Als du hereinkommst, schaut sie kurz zu dir hoch. Du kennst diesen Blick. Er fragt, ob sie gerade wirklich sicher ist und hofft, dass es schnell vorbei ist.

Der Trotz hat sich den Platz am Fenster genommen. Er sitzt etwas vom Tisch abgerückt, die Arme verschränkt und schaut nach draußen. „Ich bin übrigens nur hier, weil ich sonst ja wieder über nichts informiert werde“, sagt er.

Du hast noch nicht einmal deinen Stuhl zurückgezogen und würdest am liebsten wieder gehen.

Du kennst solche Abende vermutlich. Du liegst im Bett oder sitzt im Auto, das seit einer halben Stunde vor dem Haus steht. Eigentlich müsstest du nur aussteigen. Stattdessen gehst du im Kopf noch einmal alles durch. Was dafür spricht, was dagegen spricht und was du bisher übersehen haben könntest. Sobald dir ein Gedanke ein wenig Ruhe gibt, meldet sich der nächste. Du hattest dir vorgenommen, heute nicht mehr darüber nachzudenken. Jetzt bist du schon wieder mittendrin.

„Wir haben lange genug darüber nachgedacht“, sagt die Vernunft. Sie dreht das Notizbuch zu dir und tippt auf eine Stelle, die sie zweimal unterstrichen hat. „Es wird sich nichts ändern, wenn wir immer nur warten.“

Die Angst schaut nicht ins Heft. „Und wenn es danach schwieriger wird?“ Die Vernunft lässt ihren Finger auf der Seite liegen. „Was genau soll schwieriger werden?“ „Das weiß ich doch nicht. Darum geht es ja.“

Du merkst, wie du die Schultern hochziehst. Eben klang noch alles so klar. Du hattest Gründe, gute Gründe sogar. Jetzt reicht dieser eine Satz und schon stellst du dir vor, wie du hinterher denkst: Warum habe ich nicht einfach alles gelassen, wie es war?

Vom Fenster kommt ein leises Schnauben. „Ich finde es schon interessant, dass wir uns wieder den ganzen Abend damit beschäftigen, was schiefgehen könnte.“ Die Vernunft schaut auf. „Das müssen wir berücksichtigen.“ „Ja, aber irgendwann würde ich auch gern mal etwas machen.“ Die Angst stellt ihre Tasse ab. „Du willst doch immer nur das Gegenteil von dem, was die anderen sagen.“ Jetzt dreht sich der Trotz ganz zu ihr um. „Und du findest zu jeder Möglichkeit einen Grund, warum sie zu gefährlich ist.“
Beide reden gleichzeitig. Die Vernunft versucht, dazwischenzukommen, wird lauter und verliert schließlich selbst den Faden. Du sitzt vor dem offenen Notizbuch und denkst: Ich hatte doch eigentlich schon gewusst, was ich will.

So kann sich ein innerer Konflikt anfühlen. Du kommst zu einem Entschluss und für einen Moment stimmt er. Dann fällt dir etwas ein, das du bisher kaum bedacht hast. Schon sieht die Sache anders aus.
Du kannst etwas mögen und trotzdem merken, dass du eine Veränderung brauchst. Du kannst dich auf etwas Neues freuen und Angst davor haben, wieder von vorn anzufangen. Du kannst eine Gelegenheit nutzen wollen und zugleich erleichtert sein, wenn sie sich erledigt. Oder du möchtest etwas sagen, das dir wichtig ist und wünschst dir gleichzeitig, du müsstest dieses Gespräch gar nicht führen.

Solche widersprüchlichen Wünsche und Gefühle nennen wir Ambivalenz. Oft sind dir auf beiden Seiten Dinge wichtig. Du möchtest weiterkommen, aber nichts Wertvolles leichtfertig aufs Spiel setzen. Du willst selbst entscheiden, aber eben auch niemanden enttäuschen. Deshalb hilft es wenig, dich dafür zu beschimpfen, dass du noch immer zögerst. Erst einmal musst du verstehen, was dich in die verschiedenen Richtungen zieht.

Am Tisch hat die Vernunft inzwischen eine neue Seite aufgeschlagen. „Gut“, sagt sie etwas angestrengt. „Dann gehen wir es noch einmal durch.“ Die Angst zieht ihre Tasche näher zu sich. Der Trotz verdreht die Augen. Du weißt schon, wie dieser Abend weitergehen wird. Ihr werdet dieselben Argumente wiederholen, bis alle erschöpft sind. Morgen früh wird dir etwas einfallen, das ihr noch nicht berücksichtigt habt und alles beginnt von vorn.

Das Bild von einem inneren Team kann dir helfen, deine Empfindungen besser zu sortieren. Wenn du deinen unterschiedlichen Reaktionen einen Namen gibst, kannst du leichter erkennen, was jeweils in dir passiert. Die Angst meldet sich, sobald du dir mögliche Folgen ausmalst. Der Trotz kommt dazu, wenn du dich eingeschränkt fühlst. Die Vernunft versucht, durch Nachdenken eine Lösung zu finden, auf die du dich verlassen kannst. Du kannst jede dieser Reaktionen einzeln befragen und herausfinden, welches Anliegen dahintersteckt und was benötigt wird, um weiterzukommen.

„Was brauchst du denn, damit wir weiterkommen?“, fragst du die Angst. Sie streicht mit dem Daumen über den Henkel ihrer Tasse. „Ich will wissen, dass wir hinterher zurechtkommen.“ Die Vernunft holt Luft, aber du hebst kurz die Hand. „Lass sie erst mal.“ Die Angst schaut dich an. „Ich weiß, dass ihr mich anstrengend findet. Aber ihr sagt immer, wir werden schon eine Lösung finden. Ich würde gern wissen, ob es wirklich gut wird.“

Der Trotz schaut auf die Tischplatte. „Das verstehe ich sogar“, sagt er nach einer Weile. „Ich will nur nicht, dass wir bei allem, was wir möchten, sofort wieder zurückweichen.“ Diesmal antwortet die Angst nicht gleich. Auch du merkst, dass du beiden zustimmst. Du möchtest dich auf dich verlassen können und nicht blauäugig durchs Leben rennen. Gleichzeitig möchtest du dir etwas zutrauen dürfen, bevor du schon genau weißt, wie es ausgeht.

Die Vernunft legt ihren Stift hin. „Ich versuche doch nur, dass wir keinen Fehler machen“, sagt sie. Sie klingt leiser als vorher und irgendwie entmutigt. Du schaust auf ihre eng beschriebenen Seiten. Sie hat sich wirklich Mühe gegeben. Für jeden Einwand hat sie eine Antwort gesucht, jede Möglichkeit durchgespielt. Inzwischen sucht sie allerdings auch nach Antworten auf Fragen, die sich erst klären werden, wenn du etwas ausprobierst.

Da geht die Tür auf. Die Erschöpfung kommt herein, bleibt kurz stehen und schaut auf die freien Plätze. „Seid ihr immer noch dabei?“, fragt sie. Du nickst. Sie zieht den fünften Stuhl zurück und setzt sich neben dich. Du hast sie in den letzten Tagen kaum beachtet. Sie war da, wenn du denselben Gedanken zum zehnten Mal durchgegangen bist. Wenn du dich nicht mehr konzentrieren konntest. Wenn selbst eine kleine Frage zu viel war.

„Was brauchst du?“, fragst du sie. Sie lehnt sich zurück. „Eine Pause. Und dass ihr aufhört, alles immer wieder von vorn zu besprechen.“ Die Vernunft blickt auf ihr Notizbuch. „Wir versuchen doch, eine Lösung zu finden.“ „Ich weiß“, sagt die Erschöpfung. „Aber heute fällt euch seit einer Stunde nichts Neues mehr ein.“

Du schaust auf die Uhr. Sie hat recht. Ihr habt viel geredet, aber die letzten Seiten sehen den ersten ganz schön ähnlich. Zum ersten Mal an diesem Abend fragst du dich, ob weiteres Nachdenken gerade wirklich hilft oder ob du nur nicht aufhören möchtest, solange sich noch nichts sicher anfühlt.

Als du das Notizbuch zu dir ziehst, hörst du Schritte im Flur. Die Neugier steckt den Kopf durch die Tür. „Ist noch ein Platz frei?“ Die Angst schaut auf den letzten Stuhl. „Kommt darauf an, was du vorhast.“ „Erst mal würde ich gern wissen, worüber ihr redet.“ Sie setzt sich, beugt sich zum Heft und liest ein paar Zeilen. Dann schaut sie in die Runde. „Hier steht ziemlich viel darüber, was passieren könnte. Haben wir schon irgendetwas unternommen?“

Die Vernunft richtet sich etwas auf. „Wir haben Informationen gesammelt.“ „Das sehe ich. Aber gibt es etwas, das wir im Kleinen ausprobieren können?“ Der Trotz rückt seinen Stuhl näher an den Tisch. Die Angst zieht die Augenbrauen zusammen. „Im Kleinen?“ Die Neugier nickt. „So, dass wir hinterher mehr wissen als vorher.“

Jetzt sind alle sechs Plätze besetzt. Die Vernunft, die Angst, der Trotz, die Erschöpfung, die Neugier und du.
Du merkst, wie anders die Frage klingt, wenn es zunächst um einen überschaubaren Versuch geht. Ein Gespräch führen, ohne gleich etwas zuzusagen. Eine Möglichkeit genauer kennenlernen. Etwas einmal anders machen und beobachten, was daraus entsteht. Ob das sinnvoll ist, wird sich dann zeigen. Aber ihr habt es bisher noch gar nicht erwogen.

Die Angst nimmt ihre Tasse wieder in die Hand. „Ich müsste aber genau wissen, worauf wir uns dabei einlassen.“ „Das können wir aufschreiben“, sagt die Vernunft. Die Neugier schaut zur Erschöpfung. „Und danach machen wir Schluss für heute?“ Sie nickt.

Dir selbst zuzuhören bedeutet vor allem auch, deine Reaktionen zu prüfen. Wovor warnt dich die Angst konkret und was spricht dafür, dass es passieren wird? Gegen was wehrt sich der Trotz und hilft dir seine Reaktion bei deinem Anliegen? Welche Information braucht die Vernunft noch wirklich? Welcher kleine Schritt könnte dir helfen, weiterzukommen? Die Antworten müssen nicht alle in dieselbe Richtung zeigen. Aber du kannst sie wahrnehmen und dann selbst entscheiden, wie viel Raum du den jeweiligen Positionen gibst.

Es ist 22:03 Uhr. Die Angst hat ihre Jacke ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt. Der Trotz sitzt inzwischen näher am Tisch. Die Erschöpfung wartet darauf, dass ihr für heute fertig werdet. Die Neugier schaut zu, während die Vernunft etwas ins Notizbuch schreibt. Und du sitzt einfach nur da.

Noch ist die große Entscheidung offen. Für heute steht aber fest, welchen kleinen, konkreten Schritt du als Nächstes angehen möchtest. Du liest den Satz noch einmal und merkst, dass du damit etwas anfangen kannst. Dann klappst du das Notizbuch zu. Die Erschöpfung steht als Erste auf.

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