Ein Schatten voraus
Es ist 22:17 Uhr.
Du liegst auf dem Sofa, das Handy in der Hand. Eigentlich wolltest du nur noch kurz nachsehen, was heute passiert ist, bevor du schlafen gehst.
Du starrst auf den Bildschirm und liest. Da ist es, dieses mulmige Gefühl.
Ein Krieg, der nicht endet. Eine neue politische Eskalation. Bilder von Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Dazwischen ein Bericht über steigende Lebenshaltungskosten, danach ein Video über eine Krankheit, von der du vorher noch nie gehört hattest.
Du legst das Handy neben dich.
Für ungefähr dreißig Sekunden.
Dann nimmst du es wieder in die Hand.
Noch einmal kurz schauen. Vielleicht gibt es schon neue Informationen. Vielleicht hat jemand eingeordnet, was das jetzt bedeutet. Vielleicht ist es doch nicht so schlimm. Oder schlimmer.
Irgendwann merkst du, dass dein Herz schneller schlägt. Nicht viel. Nur gerade genug, dass du anfängst, darauf zu achten. Plötzlich ist da dein Brustkorb, der sticht. Dein Atem, der schwer fällt. Dieses leichte Ziehen irgendwo unterhalb der Rippen.
Du schaust auf die Uhr.
22:41 Uhr.
Eigentlich müsstest du schlafen, stattdessen gehst du noch einmal durch die Nachrichten.
Draußen fährt ein Auto vorbei. Für einen Moment wandert das Licht seiner Scheinwerfer über die Zimmerdecke. Im Hausflur fällt irgendwo eine Tür lautstark ins Schloss. Jemand läuft die Treppe hinunter. Erst hörst du die Schritte, dann ist da nichts mehr. Stille.
In deiner Wohnung ist es unheimlich ruhig.
Für einen Moment fühlt sich die Welt sehr groß an.
Und du selbst ziemlich klein darin.
Dabei ist in diesem Zimmer nichts passiert.
Das Licht brennt. Auf dem Tisch steht noch das Glas vom Abendessen.
Die Heizung rauscht leise. Die Tür ist abgeschlossen.
Nur dein Kopf ist längst woanders.
Er ist bei morgen. Bei nächster Woche. Bei einer Zukunft, die noch nicht stattgefunden hat und sich trotzdem schon so nah an dich gedrückt hat, dass dein Körper auf sie reagiert.
Das ist eine der faszinierendsten Fähigkeiten des Menschen: Wir können Dinge erleben, ohne das sie geschehen.
Du sitzt in deinem Wohnzimmer. In warmen Hausschuhen, unter einer Decke. Und dein Nervensystem verhält sich ein wenig so, als müsstest du dich gerade aus dem tiefsten Dschungel retten, mit einem Puma dicht an deinen Fersen.
Die Zukunft existiert noch nicht, aber sie kann bereits einen Schatten werfen.
Für einen Augenblick. Und manchmal für ein ganzes Leben.
Um's mal gleich zu sagen.. Angst hat dabei heute viele gute Gründe.
Vielleicht muss man das so deutlich sagen, weil wir uns angewöhnt haben, Angst sehr schnell wie ein persönliches Problem zu behandeln. Als müsste man nur anders denken, weniger Grübeln, das Nervensystem beruhigen, ein bisschen gelassener werden.
Aber die Welt ist nicht nur harmlos.
Menschen verlieren ihre Arbeit. Beziehungen zerbrechen. Krankheiten werden diagnostiziert. Kriege beginnen. Politische Systeme verändern sich. Geld wird knapp. Unfälle passieren. Gewalt existiert. Verbrechen finden statt.
Es gibt Dinge, vor denen man Angst haben darf, weil sie tatsächlich geschehen.
Und im Grunde macht genau das den Umgang mit Angst so schwierig. Sie erfindet die Ereignisse nicht immer.
Häufig nimmt sie etwas Reales und zieht es näher an dich heran. Sehr viel näher. So nah, dass aus einem möglichen Morgen ein gefühltes Heute wird. Aus einem vielleicht ein ganz bestimmt.
Wir leben heute in einer Welt, in der Angst praktisch unbegrenzt gefüttert werden kann.
Du wachst morgens auf und noch bevor deine Füße den Boden berühren, weißt du, was in Washington entschieden wurde, wo Raketen eingeschlagen sind, welcher Börsenkurs gefallen ist und welcher neue Virus irgendwo gefunden wurde.
Beim Frühstück siehst du das Gesicht einer Frau, deren Haus in einer Flut verschwunden ist.
Mittags liest du von einer möglichen Wirtschaftskrise.
Am Nachmittag erzählt dir der Kollege von den ersten Anzeichen einer Krankheit, nach der du gar nicht gefragt hast.
Und abends? Na da erklärt dir jemand in einem neunzigsekündigen Video, weshalb deine Beziehung, dein Einkommen, deine Ernährung oder gleich deine gesamte Zukunft gefährdet sein könnte.
Der Körper wartet dabei nicht höflich ab, bis alle Fakten geklärt sind.
Eine Vorstellung kann reichen. Ein Bild. Eine Nachricht. Ein Satz, der sich irgendwo festsetzt.
Dann verändert sich der Atem. Der Brustkorb wird enger, Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit richtet sich immer stärker auf das, was zu dieser einen Befürchtung passt.
Stell dir vor, jemand würde in diesem Moment eine Kamera auf das Leben richten. Es gäbe hundert mögliche Bilder. Gute, schlechte, langweilige, freudige, traurige, dramatische, überraschende. Dinge, die funktionieren. Dinge, die anders kommen. Menschen, die bleiben. Menschen, die gehen. Chancen, mit denen du heute noch gar nicht rechnest.
Angst zoomt.
Immer weiter auf eine erschreckende Möglichkeit, bis sie irgendwann fast das ganze Bild ausfüllt.
23:07 Uhr.
Dein Körper macht sich bereit.
Nur: wofür eigentlich?
Es brennt nichts. Niemand steht vor der Tür. Kein Puma ist dir durch den Dschungel gefolgt und wartet jetzt hinter dem Couchtisch auf seine Gelegenheit.
Vor dir steht nur ein halbvolles Glas Wasser und trotzdem meldet etwas in dir: Tu etwas.
Du greifst wieder nach dem Handy.
Noch ein Artikel. Noch eine Einordnung. Vielleicht eine Statistik. Vielleicht jemand, der das alles besser versteht und dir sagen kann, wie schlimm es wirklich ist. Denn Wissen fühlt sich in solchen Momenten ein bisschen an wie Kontrolle und Kontrolle ein bisschen wie Sicherheit.
Das funktioniert sogar. Für einen Moment. Und dann geht es weiter.
Angst liebt Lücken.
Wo Informationen fehlen, produziert sie Möglichkeiten. Dabei ist sie durchaus kreativ. Nur hat sie eine auffällige Vorliebe für Geschichten, die nicht gut ausgehen.
Aus hundert möglichen Zukünften, wird eine einzige besonders sichtbar. Und diese wird dir nicht gefallen.
Es ist inzwischen 00:08 Uhr.
Das Handy liegt noch immer in deiner Hand.
Der Bildschirm ist nun schwarz geworden. Im Fenster spiegelt sich nur noch die kleine Lampe neben dem Sofa. Draußen ist die Straße fast leer. Irgendwo weit entfernt rauscht noch ein Auto vorbei, dann wird es wieder still. Du fühlst dich erschöpft.
Du legst das Handy weg.
Die Welt draußen ist nicht plötzlich sicher geworden.
Der Krieg ist noch da. Die politischen Nachrichten sind dieselben. Menschen werden morgen schlechte Diagnosen bekommen. Beziehungen werden enden. Dinge werden geschehen, die niemand heute Abend vorhersehen kann. Es gibt weiterhin Dinge, die dir Angst machen dürfen.
Aber in diesem Moment, jetzt gerade, sitzt du in deinem Wohnzimmer.
Der Raum ist warm.
Das Glas steht noch auf dem Tisch.
Die Tür ist abgeschlossen.
Du bist sicher.
Du atmest.
Mehr passiert in diesem Moment nicht.
Und genau jetzt, für diesen Moment, darf die Zukunft wieder dort sein, wo sie hingehört.
Noch nicht hier.
