Eine größere Welt
Die Hitze kommt nicht von oben. Sie kommt von überall.
Sie steht über der Landschaft, liegt auf der Haut, flimmert über dem roten Boden und dringt selbst durch die offenen Seiten des Wagens, wo der Fahrtwind eigentlich Erleichterung bringen sollte. Stattdessen schlägt er mir warm ins Gesicht, zusammen mit feinem roten Staub, der sich längst auf meinen Armen, Beinen und Schuhen niedergelassen hat.
Der Wagen ruckelt über die trockene Straße, hebt sich über eine Bodenwelle und fällt wieder zurück. Jeder Stoß fährt durch den Sitz und nach einer Weile habe ich das Gefühl, dass mein gesamter Körper den Rhythmus dieser Landschaft übernommen hat.
Links und rechts zieht Afrika vorbei.
Hohes, trockenes Gras, dessen Farbe irgendwo zwischen Gold und hellem Braun liegt.
Büsche, dicht und dunkelgrün. Einzelne Bäume, deren Kronen aussehen, als hätte jemand sie mit großer Ruhe genau dort hingestellt. Über allem dieser Himmel, viel zu groß für das Bild, das man vorher davon im Kopf hatte.
Man kennt Afrika ja. Zumindest glaubt man das.
Man hat Dokumentationen gesehen, Fotos, Filme.. diese endlosen Einstellungen von Savanne im Abendlicht, unterlegt mit Musik, die einem vermittelt, dass dort etwas Bedeutendes geschieht.
Und dann sitzt man tatsächlich dort, in einem Wagen, der mitten durch die afrikanische Landschaft fährt und merkt, dass kein Bildschirm einem erklärt hat, wie anmutig die Welt sein kann.
Der Fahrer wird langsamer.
Zunächst denke ich, er habe etwas auf der Straße gesehen. Vielleicht eine Spur, vielleicht eines dieser Tiere, die er aus hundert Metern Entfernung erkennt, während du noch versuchst herauszufinden, ob der braune Fleck am Horizont sich bewegt hat.
Dann hält der Wagen. Niemand sagt etwas.
Ich schaue nach rechts. Im Gebüsch bewegt sich ein Ast. Noch einer.
Blätter rascheln, obwohl kaum Wind geht.
Und dann kommt er heraus.
Zuerst der Kopf, dann die breiten Ohren, schließlich dieser gewaltige Körper, der zwischen den Büschen beinahe unwirklich wirkt, weil nichts auf ein Tier dieser Größe vorbereitet.
Der Elefant tritt ins Freie.
Jeder Schritt wirkt langsam, fast bedächtig und gleichzeitig gibt es in seinem Gang etwas, das keinen Zweifel daran lässt, wie viel Kraft in diesem Körper steckt.
Der rote Staub hebt sich unter seinen Füßen und wirbelt durch die Luft. Sein Rüssel bewegt sich leicht und wirkt, als sei er ein eigenständiges Wesen. Seine Ohren schwingen vor und zurück, als würden sie Winken. Auf der Haut liegen Falten und er ist gekleidet in rote Farbe, von dem Staub der Erde.
Er kommt näher.
Ich habe schon Elefanten gesehen. Natürlich habe ich Elefanten gesehen.. in Dokumentationen, auf Bildern, in Filmen.
Ich wusste, wie sie aussehen.. ich wusste aber nicht, wie es sich anfühlt, wenn einer in Freiheit majestätisch auf mich zuläuft. Das Wissen aus Filmen hilft überhaupt nicht.
Ich sehe ihn an und mein Atem stockt.
Jetzt sehe ich, wie seine Füße den trockenen Boden berühren. Er setzt sich wieder in Bewegung, fast lautlos.
Der Rüssel senkt sich ins Gras, hebt sich wieder, tastet, prüft, lebt.
Der Wagen ist vollkommen still geworden. Keiner erzählt mehr eine Geschichte, niemand muss den Moment kommentieren.
Ich kann kaum atmen. Vor einer halben Stunde lag es noch an der Hitze, jetzt liegt es an etwas anderem. Es ist dieses sonderbare Gefühl, wenn der Körper nicht recht weiß, wohin mit der Größe eines Augenblicks.
Irgendetwas zieht sich in meiner Brust zusammen, gleichzeitig fühlt sich alles weit an und noch bevor ich darüber nachdenken kann, laufen mir Tränen übers Gesicht.
Ich bin nicht traurig, es gibt überhaupt nichts zu betrauern.
Ich stehe einfach dort und sehe dieses Tier.
Und jetzt scheint für ein paar Minuten etwas in mir zu begreifen, wofür Worte einfach zu klein sind:
Wie schön diese Welt ist.
Nicht schön im Sinne eines Sonnenuntergangs, den man fotografiert und später wieder vergisst.
Schön auf eine fast erschütternde Weise.
Als hätte jemand für einen Moment einen Vorhang zur Seite gezogen und dahinter läge etwas, das die ganze Zeit da war, während ich mich mit Terminen, Rechnungen, Nachrichten, Entscheidungen und all den kleinen Dingen beschäftigt habe, die sich im Alltag für das Zentrum der Welt halten.
Der Elefant bleibt stehen. Er hebt den Kopf.
Für einen kleinen Moment habe ich das Gefühl, er würde direkt zu uns sehen, obwohl ich keine Ahnung habe, was ein Elefant in diesem Augenblick überhaupt wahrnimmt.
Dann geht er weiter. Langsam, schwer und gleichzeitig nahezu geräuschlos verschwindet er auf der anderen Seite zwischen den Büschen. Noch einige Sekunden bewegen sich die Äste, dann ist dort wieder nur Landschaft.
Niemand spricht sofort.
Später erfahre ich, dass es in der Psychologie für solche Erfahrungen sogar ein Wort gibt: Awe.
Allein das Wort klingt irgendwie mystisch und wunderschön.
Gemeint ist dieses Staunen vor etwas, das so groß, schön oder überwältigend ist, dass unsere gewohnten inneren Kategorien für einen Moment nicht ausreichen.
Menschen berichten in solchen Augenblicken häufig davon, sich selbst kleiner zu erleben, allerdings nicht im Sinne von weniger wertvoll.. eher so, als würde das eigene Leben plötzlich wieder in einen größeren Zusammenhang rücken.
Das gefällt mir so sehr an diesem Gedanken. Denn klein zu sein muss ja nichts Bedrohliches haben, oft kann es sogar eine Erleichterung sein.
Nicht immer das Zentrum sein zu müssen. Nicht alles kontrollieren, verstehen und einordnen zu können.
Für einen winzigen Augenblick einfach Teil einer Welt zu sein, die schon lange vor uns da war und hoffentlich noch lange nach uns weiterleben wird.
Der Wagen fährt irgendwann wieder an und die Hitze der Savanne schlägt mir entgegen.
Der Motor brummt, Staub steigt hinter uns auf und schon nach wenigen Minuten beginnt jemand leise zu sprechen. Die Stimmen kehren zurück, einer zeigt mir ein Foto und ich lache, weil auf seinem Bild hauptsächlich der Hinterkopf des Vordermanns zu sehen ist.
Das Leben nimmt seine normale Größe wieder an. Aber nicht ganz.
Später am Abend liegt die Landschaft unter einem Licht, das fast leuchtend rot geworden ist. In der Ferne ziehen Tiere durch das Gras, nur noch dunkle Formen gegen den Horizont und irgendwo über uns erscheint der erste Stern.
Ich sitze da und denke an den Elefanten. Ich sehe seinen lebendigen Rüssel vor mir und denke an den atemberaubenden Moment, an dem er aus dem Gebüsch getreten ist. Und dann denke ich einfach nur daran, dass so etwas existiert.
Dass irgendwo auf dieser Erde ein riesiges Tier durch warmes Gras geht, während die Nachmittagssonne über die Savanne fällt.
Dass es Wälder gibt, Meere, Berge, Tiere, Menschen, Farben und Geräusche, die ich noch nie gesehen oder gehört habe.
Dass diese Welt viel größer ist als das Stück davon, das wir jeden Tag bewohnen.
Wir leben mitten in etwas Erstaunlichem.
Die Welt ist voller Wunder. Und du bist eins davon.
