MISSION AND MIND | Journal

Zwischen Alltag und Erkenntnis.

Gedanken, Beobachtungen, Perspektiven und Impulse. 

Herr Gott, nehmen Sie Platz



Ich stelle mir manchmal eine absurde Szene vor.

Jemand fragt Gott im Vorstellungsgespräch:

„Was bringen Sie für diese Position mit?“

„Ich erschaffe Menschen.“

„Okay … und welche Qualifikationen?“

„Ich gebe ihnen Würde.“

„Nein, ich meine fachlich.“


Je länger ich über diese Szene nachdenke, desto weniger absurd wirkt sie.

Eigentlich sitzen wir ständig in solchen Vorstellungsgesprächen. Nicht mit Gott. Mit Menschen. Oft, ohne es überhaupt zu merken.
Wir wollen wissen, was jemand kann, welche Erfahrung er mitbringt, wie belastbar er ist und welchen Mehrwert er bietet.
Das sind vernünftige Fragen. Ein Unternehmen braucht kompetente Mitarbeiter. Niemand möchte von einem Chirurgen operiert werden, dessen einzige Stärke seine Menschenwürde ist.

Vor meinem inneren Auge blättert der Personaler weiter durch seinen Fragebogen.

Berufserfahrung.
Kompetenzen.
Stärken.
Schwächen.

Alles Fragen, die ihren Platz haben.

Nur scheint Gott die ganze Zeit auf etwas zu antworten, wonach überhaupt nicht gefragt wurde.

„Ich gebe Menschen Würde.“

Als würde er sagen: Ihr beginnt an der falschen Stelle.

Die Bibel beginnt tatsächlich an einer anderen Stelle.
Bevor der Mensch überhaupt einen Auftrag bekommt, bekommt er einen Platz.

Er ist gewollt, lange bevor er gebraucht wird.
Er wird angesprochen, bevor er etwas vorzuweisen hat.
Und noch bevor er Verantwortung übernimmt, traut Gott sie ihm bereits zu.

Wir würden wahrscheinlich zuerst prüfen, ob jemand geeignet ist. Gott tut das nicht. Er verlangt keinen Nachweis der Eignung.

Keine Probezeit.
Kein Assessment.

Er begegnet dem Menschen mit einem Vertrauen, das dieser sich noch gar nicht verdient haben kann.

Der erste Auftrag ist so schön - Adam soll den Tieren Namen geben.
Es gibt keine Musterlösung. Kein Bewertungssystem.
Kein "Achte darauf, dass du nichts falsch machst."
Gott beobachtet. Der Mensch darf entdecken, gestalten und entscheiden.

Dieser erste Auftrag ist kein Test, es ist ein Vertrauensvorschuss.

Wir übertragen Verantwortung oft als Belohnung. Erst muss sich jemand beweisen. Erst muss Vertrauen wachsen. Erst muss jemand zeigen, dass er geeignet ist.

Zertifikate.
Zeugnisse.
Referenzen.

Gott scheint genau andersherum zu handeln.

Er schenkt Vertrauen.

Und gerade dieses Vertrauen befähigt den Menschen überhaupt erst, Verantwortung zu übernehmen.

Ich merke, wie schwer mir dieser Gedanke fällt.
Wahrscheinlich deshalb, weil ich selbst so anders gelernt habe zu denken.

Wer bin ich eigentlich, wenn ich meinen Beruf nicht mehr nennen darf?
Wenn mein Aussehen keine Rolle spielt.
Wenn niemand nach meinen Fähigkeiten fragt.
Wenn meine Erfolge verschwinden.
Wenn ich mich nicht einmal über meine Eigenschaften beschreiben dürfte.
Was bleibt dann eigentlich noch von mir übrig?

Ich glaube, diese Frage bringt viele von uns mächtig ins Überlegen.

Fast alles, worüber wir unsere Identität beschreiben, kann sich verändern.

Der Beruf kann wegfallen.
Eigenschaften verändern sich.
Der Körper altert.
Fähigkeiten gehen verloren.
Beziehungen zerbrechen.
Gesundheit kann verschwinden.
Selbst Erinnerungen können verloren gehen.

Wenn ich all das verliere, verliere ich dann auch mich selbst?

Genau an dieser Stelle beginnt die Schöpfungsgeschichte.
Gott sieht den Menschen nicht zuerst als Arbeiter.
Nicht als Verwalter. Nicht als Namensgeber der Tiere.
Er begegnet ihm zuerst als Mensch.
Er sieht ihn als jemand, der von ihm gewollt ist.
Jemand, dem er Wert, Annahme, Anerkennung und Würde gibt, bevor dieser auch nur einen einzigen Beweis seiner Nützlichkeit erbracht hat.

Wir versuchen oft, die Frage „Wer bin ich?“ mit dem zu beantworten, was wir tun.

Darum wird Leistung so leicht überfordernd; sie soll plötzlich etwas beantworten, was sie ihrem Wesen nach gar nicht beantworten kann.

Leistung kann zeigen, was ein Mensch gelernt hat.
Sie kann zeigen, was er geschaffen hat.
Sie kann zeigen, wofür er Verantwortung übernommen hat.
Aber sie kann niemals beantworten, wer dieser Mensch ist.

Das ist einer der Gründe, warum so viele Menschen trotz Erfolg nie wirklich ankommen. Jeder Erfolg beantwortet die falsche Frage. Für einen Moment fühlt es sich an, als wäre man endlich genug. Dann braucht es den nächsten Beweis.


Der Personaler legt den Stift zur Seite.

„Herr Gott, ich habe Sie die ganze Zeit nach Ihren Qualifikationen gefragt.“

„Ich weiß.“

„Und Sie haben die ganze Zeit über Würde gesprochen.“

„Ich weiß.“

Stille.


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