Wenn ich Liebe zerstören wollte…
Stell dir vor, dein Auftrag wäre, eine Gesellschaft zu erschaffen, in der Menschen sich nach Liebe sehnen, aber immer größere Schwierigkeiten haben, sie zuzulassen.
Du dürftest Liebe nicht verbieten.
Das wäre zu auffällig.
Du müsstest etwas Raffinierteres tun.
Du würdest Menschen beibringen, dass Freiheit bedeutet, niemanden zu brauchen.
Du würdest ihnen sagen, dass man sich niemals vollständig aufeinander verlassen darf.
Dass jeder einen Plan B braucht.
Dass sie zuerst lernen müssen, alleine glücklich zu sein.
Und irgendwann würden sie diese Sätze nicht mehr hinterfragen.
Sie würden sie für selbstverständlich halten.
Doch Moment.. du bist noch nicht am Ziel.
Menschen würden sich immer noch verlieben.
Sie würden heiraten.
Kinder kriegen.
Nähe leben.
Also musst du weitermachen...
Mit Sprache.
Podcasts.
Bücher.
Therapie.
Instagram.
TikTok.
Eine Sprache voller Warnschilder:
Red Flags.
Love Bombing.
Narzissmus.
Toxisch.
Und alles führt in die selbe Richtung.
Einsamkeit.
Misstrauen.
Beziehungsabbrüche.
Da darf man wenigstens eine unbequeme Frage stellen.
Welche Gesellschaft bringt das hervor?
Aber genau das ist ja dein Plan.
Du müsstest Liebe nicht verbieten.
Du müsstest dafür sorgen, dass man sich für sie rechtfertigen muss.
Vergibt Jemand?
Dann frag nach seinen Grenzen.
Bleibt jemand?
Dann frag nach seiner Selbstachtung.
Vertraut jemand?
Dann nenn es Naivität.
Liebt jemand mit ganzem Herzen?
Dann suche nach mangelnder Abgrenzung.
Es sieht fast so aus, als wäre dein Plan aufgegangen.
Und doch hat er einen entscheidenden Fehler.
Du hast den Menschen unterschätzt.
Denn etwas in ihm widerspricht dir.
Hartnäckig.
Seit Jahrhunderten.
Menschen schreiben Liebeslieder.
Sie geben Versprechen.
Sie gründen Familien.
Sie pflegen ihre Partner bis ins hohe Alter.
Sie vergeben.
Sie beginnen noch einmal.
Sie hoffen erneut.
Als wüsste ihr Herz, dass das Leben nicht dort zur Fülle findet, wo niemand mehr auf jemanden angewiesen ist.
Während ihr Kopf das bereits zu vergessen scheint.
Fast alles Lebendige lebt durch Verbindung.
Milliarden Zellen bilden einen Körper.
Ein Wald lebt von einem Netzwerk, das unter der Erde unsichtbar zusammenarbeitet.
Sterne bilden Galaxien.
Warum sollte ausgerechnet der Mensch nach einem völlig anderen Prinzip funktionieren?
Vielleicht gelingt dein Auftrag deshalb nie so ganz.
Immer wieder gibt es Menschen, die anfangen, dir zu misstrauen.
Sie stellen eine Frage.
Warum lasse ich mir von einer Kultur erklären, wie Liebe funktioniert, die selbst immer weniger lieben kann?
Immer mehr Ehen die scheitern.
Die Anzahl der Singles steigt.
Einsamkeit als Merkmal der Zeit.
Doch langsam verändert sich etwas.
Die Sehnsucht bekommt ihren Platz zurück.
Der Wunsch zu vertrauen wirkt plötzlich nicht mehr wie ein Fehler.
Nähe nicht mehr wie Gefahr.
Vergebung nicht mehr wie eine Schwäche.
Das verändert den Blick auf Beziehungen.
Und auch auf den Menschen selbst.
Zu lieben war nie unser Problem.
Es ist die Lösung.
